Herr Schermer, Sie bieten an ihrer Schule Raum für selbstständiges Arbeiten mit dem Lernstudio für Schülerinnen und Schüler. Was genau ist das und wie wird es genutzt?
Schermer: Im Lernstudio werden Talente gefördert und Stärken in selbstorganisiertem, eigenverantwortlichem Arbeiten unterstützt und trainiert. Hierzu bietet das Lernstudio Schülerinnen und Schülern Raum, um außerhalb der Klasse selbständig an Arbeitsaufträgen zu arbeiten oder um Projekte außerhalb des regulären Unterrichts zu entwickeln und voranzutreiben. Die Förderung der Selbständigkeit setzt beispielsweise im laufenden Fachunterricht an, in dem es regelmäßig Phasen der Gruppenarbeit gibt. Hier können ein oder zwei Gruppen, mit denen die nötigen Regeln geklärt sind und die im Vorfeld gezeigt haben, dass sie produktiv gemeinsam arbeiten, diese Arbeit eben im Lernstudio erledigen. Die Gruppe muss sich nun also zeitlich organisieren und bei Fragen zum Arbeitsauftrag zunächst stärker eigenständig damit befassen, da die Lehrkraft nicht unmittelbar greifbar ist. Wird trotzdem Hilfe benötigt, muss ein Mitglied der Gruppe zurück, um die Fragen mit der Lehrkraft zu klären und den Rest der Gruppe dann zu instruieren, was wiederum einige Kompetenzen erfordert: Es muss geklärt werden, wer zur Lehrkraft geht und die Antwort der Lehrkraft muss verständlich an die Gruppe kommuniziert werden. Die Förderung von Talenten ist ein zweites Standbein, das sich noch in einem frühen Stadium befindet. Stellen Sie sich vor, dass ein Schüler (Ich beschränke mich ab hier der Einfachheit halber auf die männliche Form. Für Schülerinnen gilt das selbstverständlich analog) auf einem speziellen Themengebiet dem Rest der Klasse deutlich voraus ist. Warum soll er/sie am laufenden Unterricht zu dem Thema teilnehmen? Im besten Fall macht der Schüler im Unterricht mit ohne erkennbaren Lernfortschritt. Im schlechtesten Fall langweilt sich der Schüler, beschäftigt sich mit den Sitznachbarn und stört dadurch den Unterricht. Für diesen Fall steht das Lernstudio bereit, um ein mit einer Lehrkraft umrissenes Themengebiet als eigenständiges Projekt zu erarbeiten. Das Thema kann aus anderen Fächern oder gar aus dem Bereich des Hobbys kommen. Das Lernstudio wirkt so also in mehrfacher Hinsicht: 1. Selbstorganisation/Eigenverantwortung wird als positive Eigenschaft wahrgenommen 2. Die eigentliche Lerngruppe wird kleiner, wodurch eine engere Betreuung durch die Fachlehrkraft möglich wird. 3. Talente können direkt gefördert werden. Neben der Talentförderung hat dies positive Wirkung auf das Selbstbewusstsein der Schülerinnen und Schüler.
Gab es einen konkreten Anlass und Bedarfe hier gemeinsam etwas zu gestalten und wie wird das Angebot angenommen?
Schermer: Das Schulsystem hat sich viel zu lange nicht grundlegend den nötigen Gegebenheiten angepasst. Für die Heterogenität der Schülerschaft sind die Klassen einfach zu groß, die Räume möglicherweise sogar zu klein, weil neben der Lehrkraft auch immer mehr Integrations- und Eingliederungshelfer und anderes pädagogisches Personal im Unterricht anwesend sind. Eine Lehrkraft müsste im Prinzip pro Stunde mindestens auf 5 Niveaus unterrichten - und über diese kleine Zahl werden einige Kollegen vermutlich schmunzeln müssen. Es ist schüleraktivierender Unterricht gefragt, Individualisierung, praxisorientiertes Arbeiten,… Dabei liegt der Fokus sehr oft bei denjenigen Schülern, die größerer Aufmerksamkeit bedürfen - sei es wegen Verhaltensoriginalität oder wegen Verständnisproblemen. Es bleibt kaum Zeit zur Förderung von Stärken. Hier war es nötig, mit den geringen Mitteln, die Schulen zur Verfügung stehen, für Abhilfe zu sorgen. Es ergab sich per Zufall, dass wir über einen Raum verfügen können, den wir nicht als Klassensaal benötigen. Das war der Startschuss des Lernstudios. Die Schüler freuen sich und sind stolz, wenn sie entweder für selbstorganisierte Gruppenarbeit oder sogar für Zusatzprojekte für das Lernstudio ausgewählt werden. Die Lehrkräfte empfinden es als Erleichterung, da sie die Lerngruppe zeitweise verkleinern können und gerade diejenigen Schüler, die viel Unterstützung brauchen, intensiver betreuen können. Insofern schließt das Lernstudio eine wichtige Lücke und wird von Schülern und Lehrkräften gerne in Anspruch genommen. Die Lehrkräfte, die das Lernstudio betreuen, nehmen wegen des großen Nutzens gerne in Kauf, dass die Stunden dort nur halb angerechnet werden.
Gibt es Ideen dieses Good-Practice-Beispiel langfristig zu etablieren und ggf. auch mit regionalen, betrieblichen Kooperationspartnern weiterzudenken? Wie ist Ihre Perspektive?
Schermer: Das Lernstudio ist ein oder zwei Jahre vor Corona ins Leben gerufen worden. Der Bereich der „Förderung der Selbständigkeit und Eigenverantwortung“, in dem wir einen unmittelbaren Nutzen für eine möglichst große Gruppe sahen, wurde daher zunächst organisiert und ausgebaut. Durch Corona ist es dann leider auf Sparflamme gelaufen, da zeitweise Klassen nicht durchmischt werden durften, was im Lernstudio zwangsläufig der Fall ist. Der Ausbau der 2. Stufe, die „Talentförderung“, lag damals noch ziemlich auf Eis. Für die Talentförderung fehlt es in dem Raum auch im Moment noch an Ausstattung. Aktuell ist der Raum noch ein „ausrangierter“ Klassenraum, den wir notdürftig mit ein paar Möbeln bestückt haben. Ein Umbau des Raumes, um auch die Talentförderung mit Engagement angehen zu können, ist unabdingbar. Schul- und unterrichtsorganisatorisch sind die Grundsteine auf jeden Fall schon gelegt. Und wir sind wir sehr froh darüber, dass uns der Schulträger des Landkreises St. Wendel zugesagt hat, dass wir den Raum von Grund auf neugestalten dürfen: passende Möbel, passende Lernecken, Lernteppiche, PC-Arbeitsplätze, digitale Tafel etc. All das ist schon besprochen und wird im ersten Halbjahr dieses Schuljahres umgesetzt. Ich glaube, wir werden hier eine sehr schöne, vorweihnachtliche Überraschung erleben.
